Wir sind aus der Karibik raus – und schon ist alles anders. Haben Sie schon mal ein Barbecue auf See erlebt, Frau Nachbarin?
Von Costa-Rica aus bis Dover in England haben wir jetzt 12 Tage Seefahrt vor uns. Durch die Karibik an Kuba und Haiti vorbei, die wir nur schemenhaft durch den Dunst sehen können, „sailen“ wir in den Atlantik. Es ändert sich plötzlich alles.
Die Tage sind trübe, schlechte Sicht, warmer Regen, die Sonne ist nicht zu sehen. Es kühlt sich ab auf 25 Grad, und wir haben das Gefühl zu frieren und tragen lange Hosen. Alle liegen unter einem Wellblechdach, weil der Wind dort nicht so reinweht. Aber draußen muss man sein. Um in der Kabine zu hocken, macht man keine Seereise!! Nach soviel Müßiggang ist das Hirn sehr lahm gelegt. Du schaust immer auf dasselbe, keine Eindrücke fürs Auge, kein Adrenalin fürs Gemüt. Bei der leichten Brise schaukelt das Schiff ganz regelmäßig. Man glaubt es kaum bei hundert Containern oberhalb und vollen Lagerluken mit Bananen und Ananas gefüllt. Ich habe mich daran gewöhnt und kann gut einschlafen im Liegestuhl oder im Bett. Weil nichts passiert, ärgern wir uns zu sehr über das ewige und an allem meckernde Ehepaar, dass dieses Niveau einer Schiffsreise niemals wieder haben möchte.
Ich lese das dritte Buch in diesen Wochen von 400 Seiten Dies handelt über den Drogenschmuggel in den 70er und 80er Jahren zwischen Kolumbien und Amerika. Da gehen einem die Augen über. Weil es so umfassend recherchiert ist und der Wahrheit entspricht, hat jemand daraus einen Film gedreht.
Dann kommt das Erlebnis schlechthin: Barbecue auf See! Wer hat das schon? Wir feiern das Bergfest, die Hälfte der Reise, mit der Mannschaft an Deck. Eine lange Tafel gedeckt für 26 Menschen mit Salaten, Hühnerbeinen, geröstetem Knoblauchbrot, Lachs, gefüllten Avocados, Shrimps, Lammspießen und Freibier. Es ist ein üppiges Gelage. Den ganzen Abend haben wir bei lauer Luft gezecht, Tränen gelacht über schlüpfrige, aber auch tiefsinnige Witze und Wortspielereien und viele Sprachen gehört.
Aber einer meckert immer! In den Ablauf der Tage auf See schleicht sich Routine ein. Ich vermisse die Nachrichten und ein bisschen Tratsch von nebenan. Wir können uns jeden Abend einen Videofilm anschauen, aber wer will das schon. Sich aufregen über Politiker und deren Machenschaften oder über die Steuerklärung für Rentner, die neue Gesundheitsreform oder die Benachteiligung allein erziehender Mütter. Alles ist weit weg, und wir haben es schon vergessen. Für manche Männer ist es schlimm, sich nicht über die stattfindenden Fußballspiele auslassen zu können. Bis in diese Gegend reicht die Übertragung nicht. Ich bin ganz froh darüber, dass diese Diskussionen nicht stattfinden.
Einen Tag vor den Azoren bekommen wir etwas vom dem gleichnamigen Hoch zu spüren. Das heißt, es ist wieder eine wärmende Sonne da, aber der Wind ist kalt wie in Bremen. Wir tasten uns langsam an die nordischen Temperaturen und an die europäische Uhrzeit heran. Im Moment, am 11.Juni, sind wir nur noch drei Stunden zurück .Wir liegen an Deck in langer Hose und Pullover, eine Wolldecke tut gut. Der Bikini bleibt im Schrank. So würde ich nicht mal bei mir im Garten liegen. Wir können vor lauter Kälte nicht mehr baden, der Pool ist leer gepumpt. Im Zimmer ist es ungemütlich, man kann es nicht heizen. Es muss schon mal ein Glas Rum getrunken werden. Jetzt können wir wieder die pustende Wale und springenden Delphine beobachten. Sonst passiert nichts. Wir „sailen“ auf Dover zu, es ist ungemütlich draußen und wir fangen an, an Zuhause zu denken. Über Antwerpen werden wir am Sonntag in Hamburg erwartet.
Dies ist der letzte Versuch, Frau Nachbarin, Sie für eine Atlantiküberquerung zu begeistern. Schöne Grüße von allen auf diesem Schiff.
13.6.06 Auf dem Atlantik Richtung Ärmelkanal